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17:00–18:30 NTGent Schouwburg, Konferenzraum Jardin
Autor*innenbegegnung 4

Sivan Ben Yishai (Autorin) im Gespräch mit Ruth Feindel (Suhrkamp Verlag)

Wer hat Angst vorm Supranationaltheater Frauheim?

Sivan Ben Yishai schreibt keine weiblichen Texte. Sie hat sich einen feministischen Blick auf die Welt erarbeitet und entwickelt daraus ihr Denken. Egal ob sie über Migrationsfragen, den israelischen Militärdienst, kapitalistische Selbstausbeutung oder die Prägung durch Familienstrukturen schreibt. „Feminismus ist wie ein Kratzer auf deiner Brille. Wenn du ihn einmal bemerkt hast, ist es unmöglich ihn wieder zu ignorieren“, sagt sie in einem Interview.

In ihrem neuesten Stück LIEBE / Eine argumentative Übung (UA 26.9.19 Nationaltheater Mannheim, Regie: Jakob Weiss) entwickelt sie eine universelle heterosexuelle Beziehungsgeschichte, die zugleich Beziehungsanalyse ist: Anhand der populären Comicfiguren Popeye und seiner Freundin Olive Oyl, die stellvertretend zu Jedermann und Jederfrau werden, geht es um die subtilen, tief sitzenden Strukturen, die bei aller selbst gewählter feministischer Aufgeklärtheit noch immer im Bewusstseinsschatten liegen. Die Autorin führt radikal vor, wie sich in der sexuellen Beziehung dieses Paares alle anderen Belange spiegeln. Sie schreibt unglaublich intim, aber keineswegs privat oder voyeuristisch. Weil sie Strukturen analysiert, in denen wir alle gemeinsam stecken. Deshalb fühlt es sich so entlarvend und persönlich an. It’s funny, cause it’s true. In ihrer Erzählstrategie dreht sie die Machtverhältnisse um: die weibliche Nebenfigur der populären Vorlage wird zum Denkorgan des Textes; wir blicken aus ihrer Perspektive auf ihren Geliebten Popeye und die Beziehung. LIEBE ist ein radikales und revolutionäres Stück. Es erfindet einen kollektiven Sprachkörper, der das Publikum zum partner in crime macht was das schonungslose Nachdenken über uns als Gesellschaftskörper angeht.

 

Wir können jetzt entscheiden, was als nächstes passiert

Im Rahmen ihrer Hausautorinnenschaft am Nationaltheater Mannheim in der Spielzeit 2019/20 hat Sivan Ben Yishai die Reihe Supranationaltheater Frauheim initiiert. Ein Titel, der die gedankliche Programmatik bereits mitliefert. Sie soll auch in diesem Tischgespräch das Thema sein. Wie können wir Strukturen, die wir uns selbst über Jahrhunderte geschaffen haben, umbauen? In der vermeintlich privaten LIEBE wie in beruflichen Zusammenhängen? Wie kann Kommunikation und Zusammenarbeit kollaborativer und antihierarchischer funktionieren? Sivan Ben Yishai ist in ihren Theatertexten, in ihren Essays, als Gesprächspartnerin und in ihren künstlerischen Produktionsweisen eine spannende Impulsgeberin dafür.

In Kooperation mit dem VDB

Sivan Ben Yishai, Autorin und Theaterregisseurin, geboren 1978 in Tel Aviv, lebt seit 2012 in Berlin. Sie studierte Theaterregie sowie Schreiben für das Theater an der Tel-Aviv-Universität und in der Schule für Visuelles Theater Jerusalem. Ihr Stück YOUR VERY OWN DOUBLE CRISIS CLUB wurde bei den Autorentheatertagen 2017 uraufgeführt, als erster Teil ihrer Tetralogie LET THE BLOOD COME OUT TO SHOW THEM. Die Uraufführungen der drei weiteren Teile waren und sind am Maxim Gorki Theater Berlin zu sehen. In der Spielzeit 2019/20 ist sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim.

Ebenfalls 2019/20 werden zwei Kurzdramen von ihr an der Royal Shakespeare Company in London und am Badischen Staatstheater in Karlsruhe zu sehen sein.

Ruth Feindel hat in Hildesheim, Paris und York Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studiert. Sie hat von 2005-2009 an den Münchner Kammerspielen (bei Frank Baumbauer) und von 2009-2013 am Theater Freiburg (bei Barbara Mundel) als Dramaturgin gearbeitet. Seit 2015 ist sie Lektorin beim Suhrkamp Theater Verlag. Sie unterrichtet an der UdK Berlin und an der AdK Ludwigsburg und realisiert Projekte als freie Dramaturgin.

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